she's an icon, she's a legend –
and she is the moment.
Wer einen von Queerness geprägten Algorithmus hat, ist an dem Hashtag #sapphic kaum vorbeigekommen – auch wenn er bisher vielleicht nie richtig aufgefallen ist. #sapphicmusic #sapphicliterature #sapphiclove. Sapphic ist zu einem Synonym für lesbian geworden – aber warum eigentlich? Was genau heißt sapphic, und was steckt dahinter?
Sapphic, also sapphisch, geht zurück auf die antike Lyrikerin Sappho (besagtes Icon). In der Altphilologie meint sapphisch meistens das für sie typische Versmaß, auf Instagram meint man damit ihre Homosexualität. Dass Sappho Frauen liebte, lässt sich aus den wenigen Fragmenten, die von ihren Werken noch übrig sind, erschließen. Tatsächlich sind nur ca. 7% ihres geschätzten Gesamtwerkes noch erhalten. Mit Sicherheit weiß man über sie eigentlich nur, dass sie ca. 600 vor Christus auf der griechischen Insel Lesbos lebte. Und dass sie Gründerin einer ominösen Frauengemeinschaft war, von der nicht ganz klar ist, ob das eine Art Frauen-Schule, erotisches Symposium oder ein Kult zur Verehrung von Aphrodite war. So oder so wird bis heute über keine Frau der Antike so viel geredet, während gleichzeitig so wenige Fakten über sie bekannt sind. Dafür gibt es unfassbar viele Mythen und Legenden. Der bekannteste ist von niemand anderem als Ovid. Und natürlich erzählt Ovid nicht von jener Frau, die bemerkenswerte Lyrik schrieb, die andere Frauen unterrichtete und liebte, sondern imaginiert sich eine etwas andere Sappho zusammen. Nach Ovids Fantasie, hat Sappho erst mit Dichten begonnen, als sie sich unsterblich in einen Mann namens Phaon verliebte. Um ihrer verzweifelten Liebe Ausdruck zu verleihen, begann sie zu schreiben. Und als Phaon sie ablehnte, stürzte sie sich von einer Klippe und starb. Ausgerechnet diese Version von Sappho ist die bekannteste und meist rezipierte. So wird sie vor allem auf Gemälden oft auf der Klippe abgebildet, mit langen wehenden Haaren und flatterndem Kleid – der male gaze hat auch vor Sappho nicht Halt gemacht.
Um so schöner ist es, dass sich Instagram Sappho zurückholt, in einer deutlich befreiten und emanzipierteren Version. Ihre Homosexualität kriegt eine Plattform und sie wird als Vorreiterin der queeren Autorschaft anerkannt. Schade ist nur, wenn dabei ihre eigentliche Lyrik verloren geht. Denn nicht nur obwohl, sondern gerade weil von ihren Werken nur noch Bruchstücke vorhanden sind, sind ihre Verse so fruchtbar. So fruchtbar, dass in der Forschung von „klingender Leere" gesprochen wird. Gerade in der Modernen, in der Modernen, in der Fragmentarität und Zerrissenheit zur inszenierten Ästhetik geworden ist, haben wir verstanden, dass manchmal etwas Kaputtes, scheinbar unvollständiges, unsere Gefühlswelt und Lebensrealität besser abbilden kann, als etwas scheinbar Intaktes.
Sapphos Worte sind gerade deshalb so wirkungsvoll, weil sie so reduziert sind. Weil manche Sätze einfach in der Luft hängen bleiben und ihre gewaltigen Wortneuschöpfungen isoliert hervorstechen. Dadurch dass so viel fehlt und so wenig mit Sicherheit über Sappho gesagt werden kann, hat die Fantasie umso mehr Freiraum. Um einzelne Gedichte Sapphos wurden sich unzählige mögliche Backgroundstorys ausgedacht. Am meisten für das Fragment 31, eins der besterhaltenen Gedichte Sapphos. Hier unterstützt das Fragmentarische auch die intensiven Gefühle von Eifersucht, Liebe und Sehnsucht, die geschildert werden. Das Lieben wird, wie so oft in Sapphos Versen, eine körperliche Erfahrung, die sich bis ins Krankhafte steigert. Ihr Bild der zerbrechenden Zunge, die auf die Sprachlosigkeit angesichts der heftigen Gefühle hinweist, passt perfekt zu der zerbrochenen Form, in der uns ihr Werk heute vorliegt. Diese Sprachlosigkeit ist auch heute, durch die Schnelllebigkeit und Grausamkeit der modernen Welt, ein wohl vertrautes Gefühl. Sappho, legendenumwoben, ist auch heute noch ein beeindruckende, herausragende Lyrikerin und höchst anschlussfähig. She's an Icon, she's a legend and she is the moment.
Vielleicht denkt ihr das nächste Mal, wenn ihr den Hashtag sapphic irgendwo seht, auch an die Verse die hinter diesem Namen stecken:
Mann zu sein, der dir gegenüber
sitzt und nahe dir, wenn du süß redest,
zuhört,
hat mein Herz in der Brust erschüttert:
Sobald ich auf dich blicke, kurz,
vermag ich keinen Laut zu sprechen,
sofort ein Feuer läuft mir unter die Haut,
und mit den Augen nichts mehr sehe ich, und es dröhnen
mir die Ohren,
ergreift mich ganz, und grüner als das Gras
bin ich, und vom Totsein kaum entfernt
erscheine ich mir selbst.
Artemis & Winkler, Düsseldorf, 2009, S. 97 f.